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99. Lucien

  Noch immer war Lucien nicht ganz überzeugt, dass es ihr wirklich gut ging… etwas in ihren Augen verriet ihm, dass Emmanline verwirrt war, abgelenkt, als würde sie innerlich mit etwas ringen, das sie noch nicht ganz greifen konnte. Irgendetwas war geschehen… etwas Tiefes, Erschütterndes… und er h?tte es zu gerne gewusst. Doch er kannte sie inzwischen gut genug… dr?ngte Lucien jetzt, würde Emmanline sich sofort wieder zurückziehen… sich verschlie?en wie eine Blüte vor der K?lte. Genau das wollte er um jeden Preis vermeiden. Wenn sie Zeit brauchte, um das Erlebte zu verstehen, dann würde er ihr so viel davon geben, wie sie verlangte… und vielleicht sogar mehr.

  ?Gut“, murmelte Lucien schlie?lich als einzige Antwort auf ihre Frage, ob der Rat und er alles gekl?rt hatten, weil er jeden Tag ein Treffen einberufen hatte, seit die Ratsmitglieder auf dem Hof waren. Wie gerne h?tte er ihr alles erz?hlt… jedes Detail, jeden Plan, jede Sorge… doch er wusste genau, dass sie es in diesem Moment sofort abwehren würde. Er steckte in einer verdammten Zwickmühle… zwischen dem Wunsch, sie einzuweihen, und der Angst, sie dadurch noch weiter von sich zu sto?en.

  ?Aber ich glaube, wir sollten uns noch einmal darüber unterhalten“, wechselte Emmanline pl?tzlich das Thema, schlagartig und entschlossen, und aus irgendeinem Grund wusste er sofort, worum es ging.

  Mit einem leisen Nicken nahm Lucien ihre Hand… warm, ein wenig zitternd… und führte sie fort. Allerdings nicht in Richtung ihrer Gem?cher. Stattdessen lenkte er ihre Schritte in eine andere Richtung… tiefer in den Wald hinein, weg vom Schloss, weg von allen neugierigen Blicken.

  ?Wo willst du hin? Wollen wir nicht zurück?“, fragte Emmanline irritiert und blickte verwirrt zum Schloss zurück.

  ?Nein… ich würde dir gerne noch einen Ort zeigen“, antwortete Lucien ruhig und zu gefasst. ?Dort sind wir genauso ungest?rt wie nirgendwo sonst.“

  Lucien führte Emmanline an ihrer Hand weiter, Schritt um Schritt, immer tiefer zwischen die alten B?ume, deren Kronen das Licht filterten und den Boden in ein sanftes, grünes D?mmerlicht tauchten. Es war ein gutes Stück Weg, aber nicht allzu weit vom Schloss entfernt und gut zu Fu? zu erreichen… ein Ort, den er schon lange mit ihr teilen wollte, für den sich in letzter Zeit jedoch nie die richtige Gelegenheit ergeben hatte.

  Pl?tzlich traten sie nach einer l?ngeren Zeit, schweigend, aus dem dichten Dickicht des Waldes hervor und vor ihnen tat sich der Eingang einer H?hle auf… dunkel, von Moos und Farn umrahmt, fast wie ein natürliches Tor in eine andere Welt. Mit einem sanften Ruck blieb Lucien stehen und wandte sich zu Emmanline um. ?Keine Sorge… ich werde dir darin nichts antun, was ich dir zuvor in meiner anderen H?hle getan habe.“

  ?Andere H?hle?“, flüsterte Emmanline vorsichtig und blieb mit angespanntem K?rper stehen, als befürchtete sie, etwas würde sich ver?ndern.

  ?Dies hier ist meine H?hle… die nahe des Schlosses“, erkl?rte Lucien mit einem kleinen, fast schüchternen L?cheln. ?Jeder meiner Geschwister besitzt eine in dieser Gegend… au?er Malatya vielleicht. Sie ist noch zu jung dafür.“ Er machte eine kurze Pause, bevor er weitersprach. ?Niemand darf diese H?hle ohne meine Erlaubnis betreten. Die andere H?hle… das ist etwas vollkommen Privates. Aber hier… hier bist nur du willkommen.“ Lucien hatte es beruhigend sagen wollen, doch als er ihren Blick sah, merkte er, dass es gar nicht n?tig gewesen war. Sie wirkte nicht sonderlich ?ngstlich… eher neugierig, vielleicht sogar ein wenig erleichtert. Ihre Augen glommen wie flüssiges Silber auf.

  Beruhigt führte Lucien Emmanline tiefer in seine H?hle hinein und sein Drache brüllte innerlich aufgeregt auf… die G?nge wurden von einem sanften, goldenen Licht erhellt, das auf seinen blo?en Gedanken hin aufflammte. Für ihn selbst w?re es nicht n?tig gewesen… Drachenaugen sahen auch in tiefster Dunkelheit… doch das warme Fackellicht machte den Weg einladender, menschlicher… und er wollte, dass sie sich hier sicher und wohl fühlte. Sein Drache dr?ngte ihn ebenfalls weiterhin an und wollte ihr alles zeigen. Seine Bestie wollte die Reaktionen ihrer Gef?hrtin sehen und mit geschwollener Brust ihr Heim teilen.

  Schweigend leitete Lucien Emmanline weiter, vorbei an Nischen, die mit allerlei Sch?tzen und Erinnerungsstücken gefüllt waren… alte schimmernde Drachenschuppen, polierte wertvolle bunte Steine, vergilbte Pergamentrollen und sogar kleine, gemütlich eingerichtete H?hlenr?ume, die wie versteckte Zufluchtsorte wirkten. Doch Lucien führte sie an all dem vorbei, bis sie schlie?lich in die gr??te Kammer traten… eine H?hle, deren Decke so hoch war, dass selbst seine m?chtige Drachengestalt sie nicht erreichen konnte. Hier… wie in fast allen H?hlen, die Drachen sich schufen… floss unterirdisches Wasser… Seen und Flüsse, die still und tief dalagen. Das Wasser gab ihnen Ruhe und Klarheit… eine Art uralte, wortlose Meditation inmitten all des Sturms, den das Leben mit sich brachte. Und genau in dieser Kammer breitete sich ein riesiger See aus. Gro? genug, dass seine Drachengestalt vollst?ndig darin untertauchen konnte. Der Raum war nicht hell erleuchtet, doch der Seeboden strahlte, von selbst… ein sanftes, pulsierendes Leuchten stieg aus der Tiefe auf. Tausende leuchtender Kristalle… Bergkristalle, von der Natur poliert und durchdrungen von innerem Glanz… bedeckten den Grund wie ein Sternenhimmel, der sich unter Wasser ergossen hatte. Ihr Licht brach sich an der Wasseroberfl?che und an den W?nden... lie? sie funkeln, blitzen und in sanften Farben schimmern.

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  Doch das war nicht alles. Hoch oben, fast unsichtbar in der Finsternis der Decke, hingen dünne, fast unsichtbare F?den… Fangf?den einer seltenen Larvenart, die wie lebende Glühwürmchen glühten. Sie lebten nur in den stillsten, verborgensten H?hlen… ein einzigartiges Geschenk der Natur, das sich nur wenigen zeigte. Und genau jetzt konnte Lucien es in Emmanlines Gesicht sehen… echtes und überw?ltigendes Staunen. Bewunderung… und etwas, das tiefer ging als blo?e überraschung.

  ?Es ist alles…“, hauchte sie und Emmanline drehte sich langsam im Kreis, die Arme leicht ausgebreitet, als wollte sie das Leuchten mit den H?nden einfangen, ?… so wundersch?n. Sogar die W?nde leuchten… alles leuchtet.“ In ihrer Stimme schwang ein gro?es, kindliches Erstaunen mit… und etwas noch Kostbareres… reine, unverf?lschte Freude.

  Z?rtlich l?chelte Lucien seine Frau an… er liebte es, Emmanline so zu beobachten. Wie schnell sie von allem Guten verzaubert wurde, wie offen ihr Herz dafür war. Es gab nichts Offenherzigeres als diese Frau. Sie wollte es vielleicht nicht sehen, wollte es vielleicht nicht glauben... doch genau das war sie… offen, wachsam, mitfühlend bis in ihre Knochen. Sie bemerkte es nicht einmal selbst… aber eines Tages würde sie es erkennen. Und er würde dafür sorgen, dass sie die Augen dafür ?ffnete. Denn sie war einzigartig. ?Ja… das ist es“, sagte Lucien leise, fast ehrfürchtig. ?So wie du.“ Nur Ehrlichkeit lag in diesen Worten. So wie Emmanline jetzt dastand… umgeben von all dem Leuchten, dem Funkeln, dem sanften Glühen… strahlte sie heller als je zuvor. Ihr schneewei?es Haar wurde glei?ender, klarer, fast silbrig wie Mondlicht. Ihre blasse Haut wirkte reiner, gl?nzender, als h?tte das Kristalllicht sie von innen berührt. Und ihre silbernen Augen… sie funkelten, strahlten, spiegelten das gesamte unterirdische Wunder wider. Emmanline war die wundersch?nste Frau, die Lucien je gesehen hatte. Die Einzige, die sein Herz je so heftig hatte schlagen lassen… die Einzige, bei der ihm der Atem vor lauter Ehrerbietung stockte und seinen Drachen bedingungslos niederstreckte. Er würde jederzeit für sie auf die Knie gehen. Er würde für sie in jeden Abgrund stürzen, nur um bei ihr zu sein. Diese Frau war mehr als seine Seelengef?hrtin… sie ging tiefer unter die Haut, tiefer in sein Innerstes, als es eigentlich erlaubt sein sollte. Und doch tat sie es. Nicht nur unter seiner Haut… sondern direkt in sein dunkles Herz hinein.

  Gütige G?tter… ich fange an, mich in sie zu verlieben. Wirklich zu verlieben. Und ich wei?, ich kann niemals dagegen ankommen. Nie wieder zurück.

  Versteinert drehte Emmanline sich zu ihm um… und Lucien konnte in ihrem Blick nichts lesen, absolut nichts, was ihm verraten h?tte, was in ihr vorging. Doch ihre Reaktion war sofort da… scharf, fast instinktiv. ?Lucien… was soll das alles? Ebenso, was du vor zwei Tagen… bei der Versammlung getan hast. Warum hast du… das im Ratsaal getan?“ Ihre Stimme zitterte nicht vor Unsicherheit, sondern vor einem unterdrückten Unmut, den er nur zu gut nachvollziehen konnte.

  Lucien wusste sofort, worauf Emmanline hinaus wollte und eigentlich hatte er mit diesem Gespr?ch schon eher gerechnet. ?Ich… ich wei? es selbst nicht genau“, gab er zu, die Worte kamen langsam, fast z?gernd. ?Es kam einfach… von ganz allein über meine Lippen. Pl?tzlich musste ich allen klarmachen, dass du meine Seelengef?hrtin bist… dass niemand das Recht hat… dir mit Respektlosigkeit zu begegnen. Mir ist egal…“ Lucien unterbrach sich selbst, hob die Hand, um sie davon abzuhalten, sofort zu erwidern. ?… was andere denken oder sagen.“

  ?Aber mir ist es nicht egal“, gab Emmanline hart zurück… so hart, dass er innerlich zusammenzuckte, auch wenn er es nach au?en nicht zeigte. ?Wir beide hatten etwas vereinbart. Was glaubst du eigentlich, was du hier tust, Lucien? Ich bin niemand, den du zu deinem Eigentum machen kannst.“

  ?Das bist du auch nicht“, erwiderte Lucien energisch und trat einen Schritt n?her, ohne sie zu bedr?ngen. ?Du bist mehr als das.“

  ?Wie bitte?“, hauchte sie fragend. Sie wich unwillkürlich einen Schritt zurück… nur einen Kleinen, doch er bemerkte ihn wie einen Stich.

  ?Du hast genau verstanden, Emmanline“, fuhr Lucien ohne Bedenken fort, seine Stimme jetzt fester, aber nicht lauter. ?Du bist mehr als das. Oder glaubst du wirklich, ich würde dich benutzen… dich missbrauchen? Ich habe dir nie das Gefühl gegeben, dich zu irgendetwas zu zwingen. Ich habe dir immer die Entscheidungen überlassen… dir die Freiheit gegeben, die du brauchst. Ja, ich gebe zu, ich h?tte es im Rat nicht tun dürfen… nicht so, nicht ohne vorher dein Einverst?ndnis einzuholen. Aber… ich kann mich dafür nicht entschuldigen. Egal, wie du jetzt darüber denkst… du bist ein Teil von mir und meinem Drachen. Auch wenn du mich niemals akzeptieren solltest… oder willst… du wirst es immer bleiben.“ Seine Worte standen schwer zwischen ihnen… klar, unnachgiebig, aber mit einer Ehrlichkeit, die fast schmerzhaft war. Lucien sah, wie es Emmanline traf… tiefer, als er es sich eingestehen wollte. Sie wirkte wie ein Reh, das in die Ecke gedr?ngt worden war… Augen weit aufgerissen, Atem flach, jeder Muskel angespannt. Und genau das hielt ihn zurück.

  Vielleicht w?re jetzt der Moment gewesen, ihr alles zu sagen… die wachsenden Gefühle, die ihn nachts wachhielten, die Gewissheit, dass es l?ngst nicht mehr nur um die Seelenbindung ging, sondern um etwas Tieferes, Echtes, Unwiderrufliches. Die Liebe zu dieser Frau. Doch Lucien… tat es nicht. Nicht jetzt. Nicht, solange sie so aussah, als würde ein falsches Wort sie endgültig davonlaufen lassen. Er wollte sie nicht dr?ngen… wollte sie nicht verlieren. Das w?re der falsche Weg… der absolut falscheste.

  Stattdessen schwieg Lucien einen Moment lang, lie? die Worte sacken, gab ihr Raum zum Atmen. ?Ich wollte dich nie besitzen“, sagte er schlie?lich leiser, fast sanft. ?Ich wollte dich nur… schützen. Und ja… ich wollte, dass alle es wissen. Dass du zu mir geh?rst… so wie ich zu dir geh?re. Aber wenn das zu viel ist… wenn du Abstand brauchst… dann nimm dir die Zeit. Ich werde warten.“ Lucien machte keinen Schritt auf sie zu. Er wartete nur… still, geduldig, mit einem feurigen Blick, der mehr sagte als jedes weitere Wort.

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