?Lucien?“
Lucien wurde durch einen lauten Schrei wach… sein Herz raste unnatürlich schnell in seiner Brust. Seine Augen waren vor Panik weit aufgerissen, er war schwei?gebadet und starrte geradewegs an die Decke, w?hrend sein Atem sich hektisch bewegte. Unter ihm spürte er eine weiche Matratze. über ihm beugte sich ein vertrautes, aber besorgtes und bekümmertes Gesicht, welches von ihrem schneewei?en Haar umrahmt wurde und dazu ihre stechenden, besorgten silbernen Augen… woran er sich noch gew?hnen musste. Sanft wurde er von zarten und liebevollen H?nden an seinen Wangen berührt. ?Emmanline?“, keuchte Lucien atemlos und seine Augen noch immer weit aufgerissen.
?Pssst.“ Emmanline beruhigte ihn leise… l?chelte leicht und zaghaft. Sofort riss Lucien diese zarte Frau in seine Arme und drückte sie wortlos an seine Brust… schweigend musste er sie halten. Wie sollte er jetzt damit umgehen? War das wirklich real gewesen, was er da getr?umt hatte? War das Wirklichkeit gewesen? ?Lu… Lucien, was ist… denn los?“ Emmanline keuchte diesmal atemlos an seiner schwei?getr?nkten Brust auf. Es war doch alles nur ein Gespinst seiner Fantasie, oder nicht? Weil Lucien in Ungewissheit stand. Weil Emmanline ihm nichts erz?hlte. Er konnte sich alles zusammenreimen, weil Culebra grausam und erbarmungslos war. Er k?nnte alles tun, ohne Gnade. ?Lucien, sprich mit mir?“, fragte sie weiter auf ihn ein.
Aber warum konnte Lucien dann… so viele Details von ihr sehen? Wie ihre Mutter? Oder solche Gespr?che zwischen ihnen? Die Versammlungen der verschiedenen Fraktionen? Die Gefühle von Emmanline? Ihre Schmerzen und… ihr Leid? Vor allem… ihren Tod?
?Ich… ich hatte… einen Traum.“ Lucien konnte ihr endlich antworten, obwohl sein Mund staubtrocken war, und seine Gedanken rasten deplatziert weiter. Er konnte sie nicht kontrollieren und das begreifen, was er gesehen und gefühlt hatte. Alles wirkte unfassbar real und dann auch wieder nicht, als würde sein Verstand verrückt spielen, nur dass er endlich seine geforderten Antworten bekam.
?Einen Alptraum?“, erwiderte Emmanline und konnte die sorgenvolle und verwirrende Stimme von ihr h?ren.
?Ja… nein. Ach… ich bin mir nicht sicher“, redete Lucien immer mehr mit verwirrter Stimme, weil sich seine Gedanken nicht ordnen konnten. Er war sich unvorstellbar unsicher.
Emmanline versuchte sich, aus seinen Armen zu befreien, und Lucien lie? sie zittrig gew?hren… aufgerichtet blickte sie auf ihn herab. ?Was hast du gesehen?“
Sollte Lucien ihr das wirklich erz?hlen? Es kam ihm zu unwirklich und schrecklich vor. Doch dann erz?hlte er ihr alles… alles, was er gesehen hatte. Was er gefühlt, geh?rt und dabei gedacht hatte. Wirklich alles. Und ihm war nicht wohl dabei… nicht, wenn er jetzt Emmanlines Gesichtsausdruck sah, wie kalkwei? und fahl sie aussah. Noch bleicher als sonst und dazu ihre silbrigen Augen… ausdruckslos und entsetzt zugleich. Lucien konnte nichts in ihnen erkennen, und es traf ihn zutiefst, was sein Herz noch weiter bluten lie?. ?Ich… ich wei? nicht warum, aber… ich schw?re es, Emmanline. Ich wei? nicht warum… ich all das sehen konnte. Ich bin mit dir hier in den Armen eingeschlafen und befand mich dort.“ Er hob seine gro?en H?nde und starrte fassungslos darauf. Lucien schwor es ihr zutiefst. Er würde sie niemals hintergehen und etwas finden, um heimlich in ihre Erinnerungen zu tauchen. Nicht in ihre Vergangenheit. Es k?me einem gleich, als würde er sie missbrauchen und hintergehen. Vor allem h?tte er somit ihr Vertrauen missbraucht. Dennoch machte es ihn selbst zu schaffen… Lucien bekam es einfach nicht aus seinem Kopf heraus. Wieder und wieder spürte er Emmanlines Herzschlag, wie es in ihrer Brust schlug, aber dann mit einem Schlag nicht mehr. Es war wie damals, als sie in seinen Armen gestorben war… für ihn… mit einem t?dlichen giftigen Pfeil in ihrer Brust.
?Lucien?“ Er h?rte entsetztes Luftschnappen, und kurz darauf berührten zarte zittrige Finger seine Wangen. Erst da spürte Lucien N?sse auf seinen Wangen und wie verschwommen seine Sicht war… wie erb?rmlich… er heulte jetzt doch tats?chlich wie ein kleines Kind?
?Es… hat mir… das Herz gebrochen, als ich dich… da so sehen musste… ohne dass ich etwas tun konnte“, keuchte Lucien rau, heiser und bebend. ?Dabei hatte ich dir versprochen… dich vor allem und jedem zu beschützen… vor jedem Leid und Schmerz. Doch… in diesem einen Augenblick konnte ich gar nichts tun“, wimmerte Lucien zum ersten Mal in seinem Leben, schloss wehmütig seine Augen und legte demütig einen Arm über seine Augen, damit Emmanline ihn nicht weiter in diesem j?mmerlichen Zustand sah. ?Absolut nichts… egal was ich tat. Ich wollte ausbrechen, bei?en, zerrei?en und t?ten. Jeden einzelnen in dieser H?hle. Vor allem… diesen Bastard Culebra. Nur um dich zu beschützen. Er hat dir wehgetan. Fürchterlich wehgetan… und ich wollte ihn hundertfach dafür bü?en lassen. Mit unendlichen Qualen und Schmerzen leiden lassen. Verstehst du… das denn nicht? Ich ertrage es einfach nicht.“ Lucien konnte ihren Blick einfach nicht mehr standhalten und wandte sich von ihr ab.
Zarte, dünne ?rmchen schlangen sich um seinen Hals und drückten ihn fester, und ihr zierlicher K?rper schmiegte sich an seinen, der noch ergeben auf dem Bett lag. ?Es… es tut mir… leid“, wimmerte sie erstickt an seinem Hals. Emmanline drückte seinen Hals etwas fester, als verzweifelte sie daran. ?Ich bin… es einfach nicht gewohnt… so viel Aufmerksamkeit zu bekommen und dass sich jemand so sehr… um mich kümmert… au?er meine Mutter damals.“ Sie rieb ihre Wange an seiner. Seine Arme schlangen sich um ihren zierlichen K?rper, und Lucien konnte sie nicht mehr loslassen. Niemals wieder. ?Du hast ein… gro?es Herz, Lucien.“ Viel W?rme klang aus ihrer Stimme, die er nie zuvor von ihr vernommen hatte… es traf ihn zutiefst. Er wollte sie nie wieder gehen lassen und nie wieder missen wollen. Nun wurde ihm nur noch schmerzhafter bewusst, wie stark Emmanline mit ihm verankert war… sein Teil seiner Seele war schon mit ihrer tief verwurzelt… verwebt, aber ob es umgekehrt auch so war, da wusste Lucien… dass dies noch nicht der Fall war. Egal, was kommen würde, es würde ihn als Erstes zerst?ren, sollte Emmanline irgendwann nicht mehr sein.
Emmanline
Emmanline wusste besser als jedes andere Wesen, wie gef?hrlich ein Drache sein konnte… wie blutrünstig und m?rderisch. Brach ihre wahre Kreatur erst voller Zorn und Wut aus, konnte nichts und niemand ihnen Einhalt gebieten. Unz?hlige Male hatte sie das schon miterleben müssen… nichts als Zerst?rung und Asche würde zurückbleiben, h?tten sie erst einmal ihren hei?en Feueratem auf die Erde niederprasseln lassen. Alles würde nur Tod und Asche hinterlassen. Drachen waren gnadenlose Bestien, die alles zerfleischten, was sie zwischen Klauen und ihren scharfen Rei?z?hnen bekamen… ihr Hunger und ihre Gier waren grenzenlos. Sie nahmen sich alles, womit sie sich zufriedengaben, ohne auf die Verluste zu blicken. Lucien war eines dieser gnadenlosen Bestien, die Schrecken und Tod verbreiteten, aber dennoch war er… anders. Er fühlte und handelte anders… Emmanline sah es. Genau in diesem Augenblick. Vor allem seine Tr?nen in seinen Augen und wie sie hinab flossen… sagten ihr alles, und sie konnte ihm nicht mehr b?se oder wütend sein. Es l?ste sich einfach in Luft auf, und sie konnte ihm stattdessen nur in ihre Arme nehmen und tr?sten. Es kam aus ihrem tiefsten Inneren. ?Ich glaube… es dir“, hauchte Emmanline an seiner Haut, die sich warm und tr?stend anfühlte… wie seine innige Umarmung.
Emmanline meinte es wirklich ehrlich… sie glaubte ihm, wenn Lucien ihr jetzt so beteuerte, was er über ihre Vergangenheit gesehen hatte. Sicher hatte es sie mehr als schockiert und entsetzt, denn es waren… ihre Erinnerungen, die sie mit niemandem teilen wollte… nicht weil es niemanden etwas anging, sondern weil sie sich irgendwie dabei unangenehm fühlte und diese Art Pein nicht teilen wollte. Sie wollte kein Mitleid oder derart andere Gefühle. Sie wollte einfach kein mitleiderregendes Wesen sein. ?Auch wenn ich es nicht verstehe, warum du es sehen konntest.“
?Ich will es… wissen und verstehen, Emmanline. Vor allem, woher es kommt. Ich will nichts von dir wissen oder erfahren, wenn du noch nicht bereit dafür bist. Sofern du es überhaupt willst… über deine Vergangenheit zu sprechen. Niemals will ich etwas erzwingen oder dir etwas wegnehmen, womit ich mir deine vorhandene Zuneigung und Aufmerksamkeit zunichte mache. Du bist meine Seelengef?hrtin… ich w?re ein riesengro?er Narr, würde ich das aufs Spiel setzen.“
Unbewusst musste Emmanline an seinem Hals l?cheln, als sie seine Worte vernahm… es berührte sie, weil sie spürte, welche Ehrlichkeit aus ihm kam. Er wollte ihr nicht wehtun oder gar auf andere Art und Weise. Er wollte sie beschützen, wie Lucien es immer beteuerte.
Emmanline befreite sich aus seiner Umarmung, auch wenn es ihr widerstrebte, weil sie sich in seinen Armen wohl fühlte… wie nie zuvor. Um ihren Worten mehr Kraft zu verleihen, legte sie ihre Handfl?chen auf seine Wangen und blickte ihm tief in seine goldenen glühenden Augen. ?Solltest du je… noch mehr von meinen Erinnerungen sehen, Lucien… musst du mir einiges versprechen.“
?Alles, was du willst.“ Lucien antwortete ihr sofort, und es verschlug ihr den Atem… damit h?tte sie nicht einmal ansatzweise gerechnet.
?Solltest du je wieder einen Traum haben… wenn es um mich geht… egal, was es ist… du musst mir stets erz?hlen, was du gesehen hast. Verheimliche nie meine eigene Vergangenheit vor mir, egal, wie furchtbar sie sein mag.“ Auch wenn Emmanline sah, dass es ihm nicht leicht fiel, stimmte Lucien ihr dabei zu… sie wusste jetzt, er würde ihr nie wieder etwas verschweigen. Sei denn, sie würde es ihm verbieten, und dies bedeutete ihr unsagbar viel. ?Was mir noch wichtiger ist… wie sehr du das Verlangen verspürst, mich zu beschützen, weil ich deine Seelengef?hrtin bin, darfst du nicht auf den Gedanken kommen oder dem Drang nachgeben… mich einzusperren. Sperre mich niemals ein.“ Es war ihr vollkommen ernst.
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Ihr schien es, als würde Lucien sie eine halbe Ewigkeit anschauen, und sie fühlte sich auf einmal unbehaglich in ihrer Haut… pl?tzlich und ohne dass sie wusste, warum. Dabei hatte sie doch das Recht, nicht eingesperrt zu werden… oder etwa nicht?
?Glaubst du etwa immer noch… ich würde dich einsperren?“ Sein Ton wurde ernst, und Lucien befreite sich von ihrer Berührung. Unwillkürlich musste Emmanline schlucken, und sie w?re am liebsten abgerückt, als sie jetzt in seine hei?en Augen starrte… ihre Augen weiteten sich vor Schreck, denn seine funkelten wie siedehei?e Kohlen, was in der Art hei?en sollte, sie sollte sich vorsehen. Emmanline presste ihre Lippen fest aufeinander, und ihr Herz fing auf einmal mit einem schnellen Gang anzuschlagen. Pl?tzlich bekam sie auch keine Luft mehr, je l?nger sie Lucien anschaute, denn seine Augen verschlangen sie regelrecht, und sie konnte sich einfach nicht von ihnen abwenden. Es war wie eine Liebkosung, aber gleichzeitig auch eine Warnung an sie. ?Wie oft muss ich dir noch sagen, dass ich dich niemals einsperren würde? Ich mag es zu Anfang getan haben, was ich zutiefst bereue, aber… ich werde es nie wieder tun, das schw?re ich bei meiner Ehre. Auch wenn ich den Drang verspüre, dich bei mir zu behalten und dich vor allem und jedem zu beschützen, wei? ich dennoch, dass ich dich nicht wie einen Vogel in einem K?fig einsperren kann. Ich wei? ganz genau, ich würde dich dadurch verlieren und alles kaputt machen, was ich je zwischen uns gewonnen habe… deine N?he, deine Berührungen und deine Zuneigung. Sogar jetzt deine W?rme und dein bezauberndes L?cheln, womit ich nie zu hoffen gewagt h?tte, es sehen zu k?nnen. Deine Gefühle zu sehen. Dein Lachen, deine Tr?nen, deine Wut, deine Herzlichkeit… einfach alles an dir, Emmanline. All das will ich niemals verlieren. Aus all diesem Grund würde ich dich niemals einsperren“, warf Lucien ihr inbrünstig vor.
Erst bemerkte Emmanline es nicht, dann konnte sie es nicht kontrollieren, wie Tr?nen sich in ihren Augen bildeten… seit sie diesen gro?en Gefühlsausbruch gehabt hatte, wie Lucien es genannt hatte, war sie anscheinend anf?llig, und es kam einfach über sie. Sie konnte es noch nicht kontrollieren… so frisch war es.
Wie soll ich das bittesch?n auch?
Lucien schien es zu bemerken, wie sich salzige Tr?nen in ihren Augen bildeten, und sein Gesichtsausdruck wandelte sich von ernst zu sanft. ?Hey… nicht weinen, meine Sch?ne.“ Er strich z?rtlich über ihr schneewei?es Haar und legte eine Hand in ihren Nacken, zog sie zu sich heran, damit er seine Stirn gegen ihre legen konnte. ?Anscheinend muss ich es dir… immer wieder verst?ndlich machen.“ Lucien l?chelte sie an… warm und geduldig.
Irgendwie l?chelte Emmanline zaghaft zurück und versuchte ihre Tr?nen wegzublinzeln. ?Oder es liegt daran… ich will, dass du es tust“, schniefte sie ungewollt.
?Willst du das?“, fragte Lucien und er schien überrascht zu sein.
?Ich wei? nicht. Diesmal hatte ich das Gefühl… du würdest es wom?glich aus Angst tun. Als ich gesehen habe… wo du aufgewacht warst, habe ich deinen Drachen sehr nahe an der Oberfl?che gesehen“, redete Emmanline offen, aber ihre Stirnen blieben miteinander verbunden. ?Er wollte aus dir ausbrechen, h?tte mich am liebsten gepackt und irgendwo hingebracht, wo… mich niemand finden würde. Dein Blick war voller Panik und Angst. Aber gleichzeitig voller Wut und Zorn. Als du mir dann erz?hltest… es ging um meine Vergangenheit und was du alles gesehen hast, überstieg es meine Gedankenkraft. Ich wei? noch immer nicht, wie das sein kann, warum du pl?tzlich etwas aus meiner Vergangenheit siehst.“ Emmanline seufzte und schloss für einen kurzen Moment ihre Augen. ?Ich will, dass niemand etwas darüber erf?hrt. über mich… und meine Vergangenheit.“
Emmanline ?ffnete ihre Augen wieder, als sie ein Zucken von Lucien wahrnahm, und erkannte an ihm, wie betroffen Lucien aussah… anscheinend hatte sie etwas zu ihm gesagt, was er nicht h?ren wollte. Was ihn verletzt hatte. ?Ich will ehrlich sein… Lucien. Wenn du meine Erinnerung gesehen hast, musst du dich erinnern… dass ich meiner Mutter immer wieder einen Schwur wiederholen musste, den ich nie vergessen durfte. Ich darf ihn nicht brechen.“
?Ich kann dich beschützen, Emmanline. Vor allem, wovor du auch Angst hast“, versprach Lucien und seine Worte klangen wie der gr??te Schwur, der je ausgesprochen werden konnte.
?Nein, kannst du nicht“, widersprach Emmanline herzzerrei?end… obwohl sie sich gerne an diese Worte klammern wollte, aber sie musste die Realit?t im Auge behalten. Sie schüttelte mit ihrem Kopf. ?Ich akzeptiere es hier und jetzt, dass du mich beschützen kannst, aber… du k?nntest es niemals in alle Ewigkeit. Dies musst du akzeptieren, Lucien.“
Zornig funkelte Lucien sie an und ruckte zurück. ?Das werde ich nicht akzeptieren.“ Lucien riss sich von ihr los, stand auf und blieb vor dem Bett stehen, blickte auf sie herunter… er war noch gr??er vom Erscheinen, was ihn bedrohlicher machte. ?Merke dir eines, Emmanline… ich bin K?nig und ich habe eine unermessliche Macht und ich bin ein Drache. Ich kann dich jawohl beschützen und werde alles daran setzen… es zu tun. Du bist meine Seelengef?hrtin, und ich empfinde das als Kr?nkung und Beleidigung, dass du so wenig Vertrauen in mich hast.“ Lucien knurrte ver?rgert, und Emmanline konnte eine Menge verschiedener Emotionen in seinen leuchtenden Augen widerspiegeln sehen… Wut, Schmerz, Verletzung, aber auch tiefe Sorge.
Dies brachte einen dicken Klo? in ihren Hals, den Emmanline nicht so leicht hinunterschlucken konnte. Für einen kurzen Augenblick schaute Lucien sie einfach nur an, bevor er sich von ihr abwandte und Richtung Tür bewegte… ohne etwas zu sagen, verlie? er einfach das Zimmer. Ohne ein einziges Wort.
Gut, jetzt fühle ich mich eindeutig schlecht.
Bis eben hatte sich der Raum noch warm und wohlig angefühlt, aber jetzt kalt und leer… Emmanline wusste überhaupt nicht, wie bedeutend seine Pr?senz sein konnte. Nein, das war gelogen. Natürlich wusste sie das. Dies hatte sie schon vor einer l?ngeren Zeit gewusst… wie wichtig ihr das geworden war. Wie nahe er ihr doch gekommen war. Wie wichtig seine N?he, Zuneigung, Berührungen und W?rme für sie waren. Alles von ihm war ihr wichtig. Es kam alles so pl?tzlich, kaum dass sie sich versah und sich gegen ihn nicht mehr wehren konnte. Jetzt hatte sie sich in etwas reingeritten, wo sie nicht mehr herauskam, und genau das hatte sie befürchtet. Genau davor hatte sie sich schützen wollen. Und genau jetzt hatte Emmanline es vermasselt, weil sie einfach dumm war… und weil sie einfach nicht f?hig war, richtiges Vertrauen aufzubauen. Ja, sie gab ja zu, zu einem gewissen Teil vertraute sie ihm wirklich. Wie k?nnte sie ihm denn erlauben, dass er sie beschützen k?nnte? So leichtfertig würde sie niemanden ihr Leben in die H?nde legen. Vor allem keinem Drachen. Lucien war der Einzige, dem sie es jemals zugestehen würde, weil er all diese Gefühle und Empfindungen in ihr hervorrief. Nicht nur das. Seine Z?rtlichkeit und seine Liebenswürdigkeit bes?nftigten sie auf die tiefste Art und Weise und trafen Emmanline in ihrer Seele, wo niemand sie berührte. War es dieses Band, wovon Lucien so oft sprach? War es dieses Band zwischen zwei Seelengef?hrten?
Je mehr Emmanline nachdachte, desto mehr ersch?pfte es sie… was war in letzter Zeit mit ihr los? Sie fühlte sich auf Dauer immer ausgelaugter und müder. Zuvor hatte sie so etwas wie Schlaf überhaupt nicht gekannt… über zweihundert Jahrhunderte nicht. Dann auf einmal konnte sie ein paar Stunden ruhen, und jetzt schlief sie N?chte durch. Nun hatte sie geregelte Stunden, in denen sie Schlaf brauchte. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr, aber sie konnte es einfach nicht einordnen, was es war.
Seitlich lie? Emmanline sich aufs Bett fallen und rollte sich zu einer Kugel zusammen… überrascht stellte sie fest, dass jemand sich neben sie gesellt hatte. Vollkommen hatte sie vergessen, dass sie ein kleines K?tzchen im Zimmer gelassen hatte. Zwei Tage hatte sie es vergebens gesucht gehabt, als es pl?tzlich verschwunden gewesen war. Sie war vom Schlimmsten ausgegangen, wo sie daran zurückdachte, als Linava meinte, es k?me vor, dass kleine Katzen als kleine Mahlzeit betrachtet wurden. Aber wenn Emmanline jetzt in diese wundersch?nen, lebendigen, leuchtenden Augen blickte, atmete sie erleichtert auf. ?Hallo. Wo warst du denn gewesen? Ich hatte dich gesucht und mir schreckliche Sorgen um dich gemacht.“ Sie l?chelte das Katzenjunge an, das sie mit gro?en gelbgrünen Augen anstarrte. Es hatte so sch?ne, hübsche Augen, die aufmerksam und intelligent erschienen. Leicht streckte sie ihren Arm aus, damit sie über den kleinen zarten weichen Kopf streicheln konnte. ?Dann sind nur wir zwei übrig.“
Sofort kam die Katze an Emmanline herangekuschelt und fing an zu schnurren, wie es vom ersten Augenblick an getan hatte, als sie ihn auf den Arm genommen hatte. Sie bemerkte, es war ein Er… so ausdrucksstark, wie seine Pr?senz war. Etwas in seinen Augen und seiner Haltung hatte etwas Dominantes, auch wenn es nur ein Junges war. ?M?chtest du hier bei mir bleiben?“ Emmanline fragte ihn, und er presste sich w?rmend an sie, was sie sichtlich genoss. Das Miauen schien ein Ja zu bedeuten, und es brachte sie leicht zum L?cheln, trotz das sie sich mit Lucien gestritten hatte. Es lag ihr schwer auf der Brust, aber sie sollte ihm diesen Freiraum geben. ?Besitzt du denn einen Namen?“ Sie konnte Tiere verstehen, aber nur zu einem gewissen Grad… nicht in ihrer eigenen Sprache, aber sie bemerkte, der Kleine besa? keinen Namen.
Emmanline lag noch immer auf der Seite und winkelte ihren unteren Arm an, damit sie ihren Kopf darauf betten konnte… den anderen Arm legte sie über das K?tzchen und streichelte mit ihrer Hand über das schneewei?e, gl?nzende Fell mit schwarzgrauen Flecken, damit sie auf ihn herabsehen konnte. ?M?chtest du einen haben? Einen Namen?“, fragte sie nach. Mit einem kleinen Lecken seiner kleinen rauen Zunge auf ihrem Kinn war es eine Best?tigung. Emmanline lachte leise auf. ?Du bist wirklich herzlich.“ Sie blickte ihn weiter tief in seine wundersch?nen, tiefen gelbgrünen Augen, und ihr kam auch schon die erste Idee für einen au?ergew?hnlichen Namen für ihn, der vielleicht passen k?nnte. ?Was h?ltst du von… Audray?“, schlug sie vor. Herzhaft lachte Emmanline auf, als sie ein komisches Funkeln in den gelbgrünen Augen erkannte, als w?re der Name etwas Eigenartiges. ?Der Name passt zu dir. Audray bedeutet St?rke, und… in deinen gelbgrünen Augen erkenne ich nichts anderes als das.“ Pl?tzlich erschien ein erneutes Funkeln in seinen Augen, und er schien seine Meinung über diesen Namen ge?ndert zu haben. ?Dann bedeutet es wohl, dass du ab heute Audray hei?t.“
Mit weiteren Kuscheleinheiten und Schnurren fand Emmanline genug Best?tigung, und es dauerte auch nicht lange, bis sie am Ende ihrer Kr?fte angelangt war. Sie war auf einmal vollkommen müde… mit einem Schlag… und sie schlief so ein, wie sie hier lag, mit Audray in ihrem Arm.

