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Kapitel 1 - Das Geheimversteck

  Ein braunhaariger Junge mit wei?em T-Shirt und schwarzer Hose lehnte gedankenversunken an einem Baum nahe der Hoftreppe. Auf seiner Wange klebte ein gro?es Pflaster und am linken Handgelenk trug er einen Verband.

  Was soll ich denn jetzt nur machen?

  Seine geschwollenen, hellblauen Augen füllten sich erneut mit Tr?nen. Von dunklen Ringen gezeichnet, starrten sie leblos auf den Boden.

  Seit zwei Wochen stecke ich schon in diesem verdammten Waisenhaus. Meine Verwandten sehen in mir nichts als ein Monster. Anscheinend habe ich die Kontrolle über meine frisch erwachten Magiekr?fte verloren und damit meine Eltern get?tet. Sie meinte, dass man so eine Bedrohung wie mich unm?glich gro?ziehen kann.

  Der Junge wusste, dass Kinder nicht allzu selten die Kontrolle über ihre Magie verloren. Die St?rke dieser h?ngt schlie?lich teilweise von den Emotionen des Anwenders ab und Kinder k?nnen sich gefühlsm??ig noch nicht so gut beherrschen. Demnach ergab die Geschichte seiner Verwandtschaft absolut Sinn für ihn.

  Selbst die Erzieher hier nennen mich nur ?das Kind der Trag?die‘.

  ?Warum? Warum bin ich nicht auch in diesem Feuer gestorben?“, wimmerte der Junge und schluchzte.

  Aus heiterem Himmel tauchte ein Schatten über ihm auf. Er schreckte hoch und stie? sich dabei den Hinterkopf am Baum.

  ?Oh, tut mir leid! Hab’ ich dich erschreckt?“

  Ein dürrer, wei?haariger Junge mit rotem T-Shirt und kurz?rmeliger Lederjacke riss ihn aus seiner finsteren Gedankenwelt. In brauner Hose, die von einem schwarzen Gürtel gehalten wurde, und bandagierten Armen stand er mit den H?nden in den Hüften vor ihm. Seine roten Augen leuchteten f?rmlich.

  ?Ich bin Valentin. Valentin Dolor. Und wie hei?t du?“, fragte er und streckte dem Jungen mit breitem Grinsen die Hand entgegen.

  Nachdem dieser sich gerade hingesetzt hatte, betrachtete er Valentin skeptisch.

  Die vielen Verb?nde … Scheint ein ziemlich ungeschickter Kerl zu sein. Sowohl k?rperlich als auch sozial. Taktgefühl ist dem wohl ein Fremdwort.

  Er wischte sich seine Tr?nen weg.

  ?H?r mal, ich w?re wirklich gerne allein.“

  Valentin senkte seinen Arm und setzte sich neben ihn.

  ?Boah, ich erinnere mich noch an meinen ersten Tag hier. Eine wirklich unangenehme Erinnerung. Aber dass du gleich zwei Wochen auf der Krankenstation verbracht hast, sagt mir, dass dein Einstieg wohl noch viel h?rter war als meiner vor zwei Jahren.“

  Bei diesen Worten fasste sich der Junge an den Verband an seinem Handgelenk.

  So schnell wird mich wohl kein Erzieher mehr in die N?he von scharfen Gegenst?nden lassen.

  ?Mein Name ist Charles. Kannst du jetzt bitte gehen?“

  Doch so leicht gab Valentin nicht auf.

  ?Ach komm schon! Ich versuche nur, dich aufzumuntern. Ich habe selbst eine schwere Zeit hinter mir, wei?t du? Hey, ich kenne einen supertollen Geheimort. Wie w?re es, wenn ich ihn dir zeige?“

  Mit gesenktem Blick wollte Charles ablehnen. Ehe er allerdings die Chance dazu bekam, ergriff Valentin schon seine Hand.

  ?Jetzt hab dich nicht so! Das wird Spa? machen.“

  Mit einem Ruck half er Charles auf die Beine und zerrte ihn über den Hof des Waisenhauses.

  Eine gro?e Grünfl?che erstreckte sich über das gesamte Grundstück. In der N?he des Geb?udes gab es einen beschaulichen Spielplatz, der inmitten eines gro?en Sandkastens gebaut worden war. Dort befanden sich eine lange Rutsche, Klettergerüste, mehrere Schaukeln und sogar ein Karussell. Verschiedene Altersgruppen tummelten sich hier und spielten. Einige von ihnen schienen im selben Alter zu sein wie Charles, w?hrend andere schon fast vollj?hrig aussahen. Vorher war Charles nicht in der Lage gewesen, sich darüber Gedanken zu machen, doch nun wurde er langsam neugierig.

  ?Valentin?“

  ?Was ist, Kumpel?“

  Eine von Charles’ Augenbrauen hob sich, w?hrend er seine Hand aus Valentins Griff l?ste.

  Wir sind also schon befreundet? Na, das ging ja schnell …

  ?Wie alt bist du eigentlich?“, fragte Charles.

  Sichtlich erfreut über das pl?tzliche Interesse breitete sich auf Valentins Gesicht dasselbe breite Grinsen aus wie zu Beginn ihres Treffens.

  ?Ich bin zw?lf und du?“

  Schau mal an. Er ist so alt wie ich.

  ?Ebenfalls. Und was ist mit den anderen Kindern? Wie alt sind die? Vor allem: Wie viele wohnen hier?“

  ?H?? Oh, stimmt ja! Du warst die ersten beiden Wochen auf der Krankenstation. Deshalb wei?t du das noch nicht. Wir sind hier ungef?hr fünfzig Kinder, von vier bis sechzehn. Die meisten hauen ab, sobald sie eine Ausbildung gefunden haben, welche ihren Magiefertigkeiten entspricht. Manche sogar früher.“

  Das macht Sinn. Eventuell sollte das wohl auch mein Ziel werden.

  Valentin fuhr mit seiner Erl?uterung fort: ?Im Endeffekt halten einen die Mauern oder die Erzieher nicht wirklich auf. Wir sind ungewollte Kinder, sofern wir nicht den Luxus haben, adoptiert zu werden. Man k?nnte jederzeit verschwinden und kaum jemand würde Fragen stellen.“

  Nun deutete er auf eine recht hohe Mauer, die den Hof des Waisenhauses abgrenzte und dabei links und rechts ein gutes Stück des umherliegenden Waldes einschloss. Dies schmückte den hinteren Teil des Hofes mit einem eigenen kleinen Waldstück, in welchem einige Kinder gerade Verstecken spielten.

  ?Wichtig sind diese Mauern nur, damit die Kleinen nicht verloren gehen.“

  Es dauerte nicht lange, bis die beiden am Ende des Hofes ankamen und vor der wei? gestrichenen Mauer standen. Aus n?chster N?he sah man die Kritzeleien, welche einige der Kinder hinterlassen hatten.

  Fast schon künstlerisch wertvoll.

  Valentin kniete sich hin und streckte seine H?nde aus. Seine Finger hatte er ineinander gefaltet, damit Charles seinen Fu? draufstellen konnte. Der nach oben gehobene Charles ergriff den Rand der Mauer, hievte sich hoch und reichte Valentin seine Hand. Nachdem Valentin etwas Anlauf genommen hatte, erreichte er diese mit einem Sprung, und innerhalb weniger Minuten standen die Jungen auf der Mauer. Zusammen blickten beide auf den Wald, der sich vor ihnen ausbreitete. Da er sich in alle Richtungen erstreckte, fiel es Charles schwer, zu erkennen, wo genau sie sich eigentlich befanden. Es wirkte für ihn fast so, als w?re das Waisenhaus wie ein wei?er Edelstein in den Wald eingelassen worden.

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  ?Von hier aus sollten es nur noch zehn Minuten Fu?weg sein. Ich wei?, ich spanne dich hier etwas auf die Folter, aber vertrau mir: Das, was ich dir zeige, wird dich umhauen!“

  Seine Skepsis wollte nach wie vor nicht ganz von Charles weichen, allerdings hatte Valentin ihn tats?chlich erfolgreich abgelenkt.

  Dann kann ich mit ihm jetzt auch den Rest des Weges zu diesem supertollen Geheimort gehen.

  Langsam machten sich die zwei an den Abstieg.

  Unten angekommen fragte Valentin: ?Sag mal, Charles, sind deine Magiekr?fte eigentlich schon erwacht?“

  Als er das h?rte, musste Charles schlucken. Ihm war nicht bewusst, was er darauf antworten sollte. Seine magischen Kr?fte waren ?u?erst gef?hrlich. Mit gro?er Wahrscheinlichkeit waren sie sogar der Ausl?ser des Feuers, das in seinem Zuhause ausbrach. Alles, woran Charles sich erinnern konnte, war, dass er im Vorgarten erwachte und mit ansehen musste, wie sein Haus in Flammen stand. Bei dem Versuch, hineinzurennen und seinen Eltern zu helfen, verbrannte er sich am Gesicht. Danach war Charles vor Angst wie gel?hmt.

  Dieses alles verschlingende Feuer, das den Menschen, die er am meisten auf der Welt liebte, keinen Ausweg lie?. Die bald darauffolgenden Todesschreie. Der Gestank vom verbrannten Fleisch und die Hoffnung, dass dies alles nur ein schlimmer Albtraum war, hatten sich in sein Gehirn gebrannt. Wenn er die Augen schloss, wiederholte sich dieser Moment immer und immer wieder. Sobald er sie ?ffnete, wurde Charles mit der Realit?t konfrontiert, dass von seiner Welt nur Asche zurückgeblieben war. Jetzt fühlte Charles nichts mehr au?er Wut und einer unheimlichen Traurigkeit. Auf einmal fasste ihn jemand an die Schulter.

  ?Alles okay, Kumpel? H?r mal … Tut mir leid! Ich wollte dich nicht ver?rgern. Du … du zitterst ja richtig.“

  Erst jetzt realisierte Charles, dass sein ganzer K?rper regelrecht bebte und an Ort und Stelle verharrte. Erneut schluckte Charles und klatschte sich mit den Handfl?chen ein paar Mal auf seine Backen.

  ?Lass uns einfach weitergehen. Wie weit ist es noch?“

  ?Oh, ?hm … ja. Natürlich, Kumpel! Keine Sorge, es sind nur noch ein paar Minuten.“

  Valentin ging voraus, drehte sich aber nach einer kurzen Weile mit einem besorgten Blick zu Charles um.

  ?Sag mal, liest du gerne Bücher?“

  Angenehm überrascht über den Themenwechsel antwortete Charles: ?Ja, k?nnte man so sagen. Ich mag Abenteuerromane. Du wei?t schon. Diese Geschichten über Helden, die tief in einen Dungeon reisen, diesen erkunden, Sch?tze finden, Monster bek?mpfen und Geheimnisse lüften.“

  Das ist wohl einer der Gründe, warum ich das Geheimversteck sehen will.

  ?Und du?“

  ?Ich mag Liebesromane“, antwortete Valentin.

  Daraufhin legte Charles seine Stirn in Falten.

  Was für ein Klischee ist das denn? Der Valentin, der Liebesromane mag. Oh Mann …

  ?Liebe ist etwas Besonderes. Dank ihr k?nnen wir auf v?llig fremde Menschen zugehen, egal wer sie sind oder woher sie kommen. Wenn zwei Leute dieses Gefühl teilen, verstehen sie sich auf eine Art, die sonst kaum m?glich w?re. Ist das nicht wundersch?n?“

  ?Also ist Liebe für dich das Wichtigste, weil sie die Menschen miteinander verbindet?“, fragte Charles.

  Daraufhin schüttelte Valentin den Kopf.

  ?Nein, es gibt noch ein anderes Gefühl, welches die Menschen viel enger miteinander verbindet.“

  ?Und das w?re?“

  Pl?tzlich blieb Valentin stehen, blickte kurz auf den Boden und drehte sich langsam zu ihm um. In seinen Augen konnte Charles eine unheimliche Traurigkeit, aber zur selben Zeit auch eine seltsame Gewissheit sehen.

  ?Was uns am st?rksten verbindet, sind unsere dunkelsten Momente. Es ist der Schmerz, Charles.“

  Diese Worte lie?en Charles kurz innehalten.

  Vielleicht habe ich ihn falsch eingesch?tzt. Er ist zwar etwas seltsam, aber scheint ein gutes Herz zu haben.

  Kurze Zeit sp?ter erreichten die Jungen den Rand einer Lichtung, auf der eine gut erhaltene Holzhütte stand.

  ?Da w?ren wir. Habe ich dir zu viel versprochen? Eine echte Geheimbasis, mitten im Wald. Ein neuer Dungeon zum Erkunden für den Helden Charles.“

  Zusammen betraten sie die Hütte, welche von innen ziemlich beachtlich eingerichtet war. Nach dem Eingangsbereich mit der Garderobe zierte ein erloschener Kamin die linke Seite des Raumes. Davor stand ein gemütlich aussehendes Sofa und daneben ein Tisch mit sechs Stühlen, auf welchem diverse Karten verteilt lagen. Auf der rechten Seite der Hütte befand sich ein Bartisch mit Hockern und einem dahinterliegenden Getr?nkeregal, das derzeit leerstand. Mittig im hinteren Bereich gab es einen weit ge?ffneten Zugang zur Küche und links davon gelangte man ins Badezimmer, wenn Charles dem Schild an der Tür Glauben schenken durfte. Rechts hinter der Bar führte eine Treppe in die zweite Etage, wo ein pomp?ser Balkon am Gel?nder des Obergeschosses angebracht war. W?hrend Charles sich noch umsah, h?rte er die Stimme eines M?dchens: ?Ich hei?e euch herzlich willkommen in meinem K?nigreich. Macht es euch bequem und lasst euch von mir einen Einblick in die wundervolle Welt der Magie geben.“

  Ein langhaariges, blondes M?dchen mit einem schwarzen Rollkragenpullover und Rock sowie einem gro?en grauen Zauberhut sa? nun auf dem eben noch leeren Balkongel?nder. Die Beine überschlagen und mit einem Zauberstab in der rechten Hand lie? sie ihr Kinn elegant auf dem linken Handrücken ruhen und sah mit einem zufriedenen L?cheln auf die beiden herab. Zusammen mit ihren sch?nen, violettfarbenen Augen umgab sie eine geheimnisvolle Aura.

  ?Die Zaubershow der unglaublichen Maya wird in wenigen Minuten beginnen. Ich wünsche euch viel Spa?. Besonders dir, Charles Libertus Fran?ois.“

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