Rochelle streckte die Hand nach dem an der Mauer des Waisenhauses kauernden Charles aus.
?Fass mich nicht an!“, schrie dieser auf einmal.
Erschrocken zog Rochelle ihre Hand zurück und schaute Charles traurig an. Sein ganzer K?rper zitterte, w?hrend er seine zertrümmerten H?nde vor seine Beine hielt. Den Kopf gesenkt, flossen ihm still die Tr?nen über seine Wangen. Mit zitternder Stimme flüsterte er: ?Fass mich … Fass mich bitte nicht an!“
?Wir müssen uns aber langsam vorbereiten, Charles. Die Ausrede, dass ich dich auf die Krankenstation schaffe, gibt uns nicht unbegrenzt Zeit“, sagte Rochelle, welche mit emotionslosem Gesicht direkt vor ihm stand.
?Vorbereiten …?“
Charles wischte sich die Tr?nen mit seinem Arm ab.
?Auf was denn? Falls du es noch nicht gemerkt hast: Der Kampf ist bereits vorbei und Maya hat diesen haushoch gewonnen. Wir hatten von Anfang an keinerlei Chance gegen sie. L?cherlicherweise haben wir uns blo? eingeredet, dass es sowas wie Hoffnung gibt. Die Realit?t ist jedoch eine ganz andere. Hier werden Wünsche nicht einfach wahr, nur weil wir fest daran glauben.“
?Ist das dein letztes Wort?“
Mit leeren Augen schaute Charles zu ihr hoch.
?Und was ist, wenn es so w?re? K?nntest du mir da einen Vorwurf machen? Ich will halt nicht noch mehr verletzt werden, okay …?“
Erneut senkte er seinen Kopf.
?Lass uns aufgeben und warten, bis wir aus dem Waisenhaus raus sind! Das dauert eventuell eh nur noch ein paar Jahre. Eine andere Wahl bleibt uns nicht. Wir müssen uns eingestehen, dass es unm?glich ist, sie zu schlagen, egal was wir versuchen. So wie sie momentan drauf ist, riskieren wir nur unn?tig unser Leben, wenn wir weitermachen oder versuchen, zu fliehen.“
Eine flüchtige Stille erreichte die beiden, bevor Rochelle fragte: ?Sag mir, Charles, was macht Maya in deinen Augen bitte so unbesiegbar?“
Fassungslos über diese, in seinen Augen, dümmliche Frage hob Charles seinen Kopf und fuhr sie an: ?Willst du mich verarschen? Ganz klar ihre Antimagie und die unberechenbaren Illusionszauber. Das wei?t du doch selber.“
Sein deutlich spürbarer Frust lie? Rochelle allerdings unbeeindruckt.
?Sicher, diese Technik ist zwar gef?hrlich, aber konterbar. Du musst nur so gut es geht den Nahkampf vermeiden! Und von ihren Zaubern ist nur die Verdopplung unberechenbar.“
?Ich sch?tze, du vergisst noch den guten Caleb, der uns k?rperlich absolut überlegen ist.“
?Meinst du ihr Scho?hündchen, das nicht für sich selber denken kann? Klar, der ist ein Problem, aber auch nicht immer an Mayas Seite.“
Der unbekümmerte Optimismus von Rochelle ging Charles langsam auf die Nerven.
?Trotzdem! Du wei?t genau, dass sie viel schlauer ist als wir. Bisher hat sie jeden Plan vorausgesehen und mit Leichtigkeit gekontert. Tue nicht so al…“
?Und wei?t du auch wieso?“, unterbrach ihn Rochelle.
Perplex schaute Charles sie an.
?Im Vergleich zu dir l?sst sich Maya durch nichts aus der Ruhe bringen. Sie hat ihre Gefühle absolut im Griff und verliert dadurch nie die Oberhand. Ihr entgeht nichts und sie ist immer extrem gut vorbereitet. Zudem ist sie auch bereit, alles dafür zu tun, um die Kontrolle zu behalten. Genau deshalb wirkt sie so m?chtig. Naja … zumindest bis du aufgetaucht bist. Seitdem du hier bist, Charles, verliert sie st?ndig die Beherrschung und übertreibt mit ihren Bestrafungen ma?los. Du bist der Magnet, welcher den emotionalen Kompass von Maya komplett durcheinandergebracht hat.“
?Sch?n, und was bringt uns das jetzt? Schau dir meine H?nde an! Selbst wenn ich wollte, h?tte ich keine M?glichkeit, zu k?mpfen. Also, wen juckt's, ob sie wegen mir durchdreht oder nicht? Mir ist sehr wohl bewusst, dass ich ihre Schwachstelle bin. Doch du wei?t selber, wie nutzlos ich bin. Ich schaffe es einfach nicht, damit was anzufangen“, erwiderte Charles verzweifelt.
Erneut schwiegen sich die beiden für eine Zeit lang an, ehe Rochelle eine andere Strategie versuchte. Sie setzte sich neben ihn, winkelte die Knie an und legte ihre H?nde auf diese.
?Was denkst du, ist die wichtigste Figur im Schach?“
Verwundert über die Frage z?gerte Charles kurz, dachte dann jedoch darüber nach.
?Die K?nigin? Sch?tze ich …“
Ein L?cheln erschien nun auf Rochelles Gesicht, dessen R?nder in der Abendsonne gl?nzten.
?Nein, Charles. Es ist der Bauer.“
Der Bauer? Diese nutzlose Figur soll die wichtigste im ganzen Spiel sein?
Mit vertr?umten Augen neigte Rochelle den Kopf leicht zur Seite und strich mit ihrem Zeigefinger über den Erdboden.
?Anfangs mag der Bauer noch schwach und nutzlos wirken. Er wird meist als Opfer verwendet, um wertvollere Figuren aus dem Spiel zu nehmen oder um Druck aufzubauen. Im Endgame sind Bauern jedoch unheimlich wertvoll. Durch die fehlenden Figuren ist es n?mlich viel leichter, diese zu einer K?nigin zu machen. So wird eine einst eher nutzlose Figur zu einer richtigen Bedrohung.“
Sie drehte den Kopf wieder zu Charles und ihr Mundwinkel zog sich siegessicher nach oben. Mit düsterem Blick schaute sie Charles entgegen.
?Und ich muss dir danken, Charles, denn du warst wirklich ein sehr nützlicher Bauer.“
Die Augen von Charles weiteten sich. Er konnte nicht fassen, was er da geh?rt hatte. Derweil erhob sich Rochelle, drehte sich zur Seite und verschr?nkte die Arme hinter dem Rücken, w?hrend sie den Sonnenuntergang betrachtete.
?Mein Plan war recht simpel: Nach deiner Niederlage auf der Krankenstation musste ich dich dazu bringen, strategischer zu denken und mehr Druck aufzubauen. Anschlie?end habe ich beobachtet, wie Maya darauf reagiert. Als ich ihr Gesicht beim Grillabend gesehen habe, wurde mir klar, dass du der Schlüssel zu meinem Sieg bist. Nur du konntest ihre Fassade zum Einsturz bringen. Von da an musste ich nur warten, bis alles durch deine Hitzk?pfigkeit eskaliert und Maya keine andere Wahl hat, als ihre vorteilhafte Position aufzugeben, um dich aus dem Spiel zu nehmen. Dies ?ffnete mir wiederum den Weg für meinen finalen Zug.“
Allm?hlich wurde Charles der Grund für Rochelles Verhalten ihm gegenüber bewusst.
?Deshalb hast du dich also immer im Hintergrund gehalten? Damit ich als der Drahtzieher rüberkomme?“
?Jackpot!“
Als Charles das h?rte, lie? er den Kopf entt?uscht nach unten sinken.
?Du bist genauso unmenschlich wie Maya! Hast du kein schlechtes Gewissen? Du hast mich nur ausgenutzt und manipuliert, obwohl du von Anfang an wusstest, dass ich sie nicht schlagen kann.“
Sein Blick folgte den H?nden, die er vorsichtig nach oben hielt und deren Zustand ihn absolut schockierte. Es war das reinste Massaker. Er drehte sie um und streckte sie Rochelle entgegen.
?Wegen dir wurden meine H?nde komplett zertrümmert. Hast du nur eine Vorstellung, wie schmerzhaft das war?“
Nachdem sie sich wieder umgedreht hatte, war das L?cheln aus Rochelles Gesicht verschwunden und stattdessen fand dieselbe emotionslose Miene vom Anfang ihren Platz.
?Ja, du hast Recht. Um zu gewinnen, musste ich meine Menschlichkeit aufgeben. Anders als du war ich aber bereit, diesen Preis zu zahlen. Du hast nur halbherzig den Helden gespielt. Jegliche Warnungen wurden von dir einfach in den Wind geschlagen und andere dadurch in Gefahr gebracht. Inklusive dir. Ich hingegen war bereit, alles zu tun für eine Chance, die anderen zu retten. Das ist, was ein wahrer Held tun würde, oder nicht?“
Jetzt verstehe ich … Mir war es von Anfang an nicht bestimmt, ein Held zu sein. Ich hatte blo? unheimliches Pech, in das kranke Spiel dieser beiden Verrückten hineinzugeraten, und habe mir arroganterweise eingebildet, es zu verstehen. In Wahrheit bin ich blo? eine Schachfigur. Ein weiteres Zahnrad, das sich für die Ziele anderer dreht. Ich bin kein Protagonist, sondern nur das Kind der Trag?die …
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Rochelle fixierte ihren Rock mit den H?nden und ging in die Knie.
?Versteh mich nicht falsch. Es tut mir sehr leid, was mit dir passiert ist, Charles. Dass Maya so grausam sein würde, hatte ich nicht erwartet. Ich war genauso schockiert wie du und wollte sie sogar davon abhalten. Was denkst du wohl, warum ich extra daneben geschlagen habe? Jedoch war diese Bestrafung notwendig“, sagte sie sanftmütig mit einem Funken Reue in der Stimme.
Ihre Augen spiegelten dies wider. Aber Charles war zu wütend, um die Entschuldigung zu akzeptieren, und schaute sie stattdessen zornig an.
?Notwendig? Sie hat meine H?nde komplett zerst?rt und du sagst, es war notwendig? Wofür?“
?Damit Maya glaubt, sie h?tte uns vollkommen besiegt. Denk doch nach, Charles! Momentan fühlt sie sich am sichersten. Sie hat den Widerstand erfolgreich gebrochen und genau deshalb wird sie ihre Niederlage nicht kommen sehen.“
Mittlerweile platzte Charles der Kragen.
?Du redest die ganze Zeit so, als h?ttest du schon gewonnen. Von was für einer verdammten Niederlage redest du bitte?“
Ein weiteres Mal erhob sich Rochelle und klopfte ihren Hintern ab.
?75 % Nitroglycerin, 24,5 % Kieselgur und 0,5 % Natriumcarbonat.“
Eine Augenbraue von Charles zog sich nach oben und mit offenem Mund starrte er sie an.
?H? …?“
Bei dem verwirrten Anblick von Charles musste Rochelle kurz kichern.
?Das sind die Zutaten, um Dynamit zu bauen, du Dummerchen. Kieselgur kann man auch mit S?gemehl ersetzen und Waschsoda besteht aus Natriumcarbonat. Alles Dinge, die man mehr oder weniger im Waisenhaus oder im Wald findet und ohne Probleme verstecken kann. Es stellt sich also nur noch die Frage, wie man Glycerin gewinnt. Die Antwort ist simpel: Erdnuss?l und Kernseife. Man schneidet die Kernseife klein, schmilzt sie und verrührt sie mit dem ?l, um nach dem Abkühlen oben eine Schicht rohes Glycerin abschaben zu k?nnen. Mit einer F?higkeit wie Licht der Reinigung k?nnte man es sogar filtern. Alles, was dann fehlt, ist die Nitration. Bei dieser wird allerdings nur eine Gruppe im Molekül durch eine Nitrogruppe ersetzt. Solaristen haben die ganze Zeit mit der Ver?nderung oder Erschaffung von Molekülen zu tun, damit sie mit Licht der Heilung Verletzungen versorgen k?nnen.“
?W-Was hast du getan, Rochelle?“, fragte Charles mit weitaufgerissenen Augen und zitternder Lippe.
Urpl?tzlich drang ein riesiger Knall durch den Wald und hinter Rochelle kletterte ein Feuerball in den Himmel. Ein wahnsinniges Grinsen erschien auf ihrem Gesicht und ihre Augen funkelten noch unheimlicher als zuvor.
?Ich habe gewonnen.“
Was zum …? War das gerade eine Explosion? Das kam eindeutig von …
?Du kannst es dir bestimmt schon denken, Charles. Als du Valentin auf die Krankenstation gefolgt bist, habe ich meine Chance genutzt und bin zum Geheimversteck, um dort ein kleines Geschenk für Maya unter den Holzdielen nahe dem Kamin zu hinterlassen. Der Zeitzünder, welchen ich aus meiner Uhr gebaut habe, ist anscheinend gerade abgelaufen und hat einen Funken erzeugt.“
Jetzt, wo sie es sagte, bemerkte Charles, dass ihre Armbanduhr, welche sie sonst benutzte, um die Zeit zu messen, fehlte.
?Du hast die Holzhütte gesprengt? Bist du komplett wahnsinnig? Was ist, wenn du Amadeus oder Caleb erwischt hast?“
?Keine Sorge, ich habe Amadeus ein eindeutiges Zeichen gegeben, die Holzhütte nicht mehr zu betreten. Momentan wird Maya sie eh angewiesen haben, zum Fluss zu gehen und Wasser zum S?ubern der Holzbank zu holen. Viel wichtiger ist, dass sich das Feuer in wenigen Stunden durch den ganzen Wald ziehen wird. Das wird eine Evakuierung des gesamten Waisenhauses zur Folge haben und wenn die beiden schlau sind, nutzen sie die Gelegenheit, um zu verschwinden. Mayas K?nigreich wird in Flammen untergehen und unter den Kindern wird sich rumsprechen, dass ein naiver Neuank?mmling plus seine schwache Gehilfin die unbesiegbaren Maya vernichtet haben. Denkst du, hiernach wird sich ihr noch irgendjemand unterwerfen?“
Auf einmal streckte Rochelle ihm ihre Handfl?chen entgegen.
?Leg deine H?nde auf meine! Ich verspreche dir, du wirst es nicht bereuen.“
Misstrauisch hielt Charles kurz inne und betrachtete das zuversichtliche L?cheln von Rochelle. Schlussendlich legte er seine zitternden H?nde in ihre.
Was soll's … Sie sind bereits zerst?rt, also was kann schon passieren?
Eine kleine Sonne entfaltete sich auf Rochelles linker Pupille und behutsam tastete sie seine Hand ab, w?hrend Charles die Z?hne vor Schmerzen zusammenbiss.
?Deine Handwurzelknochen wurden zum Glück nur teilweise zerst?rt, was die Heilung massiv erleichtert.“
Nach ein paar Sekunden erstrahlte ein helles Licht von ihren H?nden. Fast zur selben Zeit wurde ihr linkes Auge von einer wei?en Flamme umrandet. Daraufhin verengte Charles seinen Blick ein wenig.
Ist das etwa …?
?Ich rekonstruiere nun deine Mittelhandknochen und anschlie?end die Fingerglieder. Danach kommen die Muskeln: Zuerst die besch?digten Unterarmmuskeln, dann Thenar, Hypothenar sowie die Interossei und Lumbricales. Die Nerven sind momentan leider noch zu schwierig für mich. Ich versuche zwar mein Bestes, dennoch solltest du definitiv zu einem h?herrangigen Solaristen gehen, sobald du die Gelegenheit kriegst. Zum Schluss regeneriere ich noch die Haut.“
Als das Leuchten verschwand und Charles die Augen ?ffnete, um nach seinen H?nden zu sehen, traf ihn fast der Schlag. Die zuvor v?llig zerst?rten H?nde waren wiederhergestellt. Sicherlich sahen sie etwas notdürftig zusammengeflickt aus. Allerdings war es kein Vergleich zu vorher. Er konnte sie sogar wieder bewegen, auch wenn sie etwas taub wirkten. Fasziniert betrachtete er seine H?nde für eine Weile, bis Rochelle anfing zu sprechen: ?Siehst du, Charles? Ich h?tte jeden von ihnen heilen und so den Schmerz nehmen k?nnen. Aber ich tat es nicht. Stattdessen habe ich nur zugeschaut, wie sie die anderen Kinder vor meinen Augen immer und immer wieder qu?lte. Unf?hig, etwas dagegen zu unternehmen, denn wenn sie von meinen F?higkeiten gewusst h?tte, w?ren meine Chancen für einen Sieg auf null gesunken. Ich musste mich verstecken, auf den passenden Moment warten und jetzt, nach all der Zeit, bekomme ich endlich meine Gelegenheit.“
An ihrer rechten Wange kullerte eine einsame Tr?ne hinunter.
?Doch ich habe ihre Qualen nicht vergessen, Charles. Von keinem von Ihnen. Für das, was sie mir und all den anderen angetan hat, wird sie heute Nacht bezahlen. Das verspreche ich dir.“
Mit einem sanftmütigen L?cheln reichte sie ihm nochmals die Hand.
?Wenn du nicht mehr k?mpfen willst, dann musst du das auch nicht, Charles. Ich bitte dich nur um eins: Lass mich wiedergutmachen, was ich dir angetan habe, indem ich dir helfe, zu entkommen. Heute werde ich dich und alle anderen von Mayas Schreckensherrschaft erl?sen.“
Was ein Glück, dass sie auf meiner Seite steht. Dieses M?dchen ist absolut furchterregend. Intelligenter und hinterh?ltiger als Maya. Zeitgleich aber auch gütiger als jedes der anderen Kinder. Bereit, sich selbst zu verlieren, um alle zu retten. Ich habe wirklich Angst, denn wenn dies ein Roman w?re, dann würde ich mir wünschen, dass sie der Protagonist ist.

